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In unregelmässigen Abständen veröffentliche ich hier Artikel zu den Themen Kolonialismus, Kulturerbe und Vieles mehr. Über Anregungen, Lob und Kritik freue ich mich. Schreiben Sie mir an: info@komeda.ch
Die Polos – Sattel und Segel
Venezia
1271, die Zeit asiatischer Reiternomaden und westeuropäischer Kreuzzüge. Als der junge Marco an einem hellen Frühlingsmorgen seine erste Reise ins Ungewisse antritt, liegen dreissig Schiffe an der Mole der Lagunenstadt. Venedigs Geleitflotte, die „Muda“ die zweimal jährlich in See sticht, schützt neue, wendige Galeeren vor Überfällen bis zur Levante.
Ziel: das schillernde Mongolenreich. Als Venezianer ist Marco Polo (1254-1324) schon früh mit dem Geruch ferner Weltteile vertraut, ihren duftenden Gewürzen, edel gewirktem Brokat, durchscheinendem Bernstein und, er versteht es zu segeln. Nach dem frühen Tod seiner Mutter wächst er bei Verwandten auf. Von seinem Vater, den Marco kaum kennt, hat er lediglich ein inneres Bild. Als dieser endlich zurückkehrt, um eine weitere riskante Reise vorzubereiten, freut sich Marco doppelt, denn diesmal darf er mit Onkel und Vater mitgehen.
Was haben die sagenhaften Reisen des italienischen Kaufmannsohns, der nicht einmal besonders vermögend war, mit dem modernen Kolonialismus zu tun?
Der private Faktor
Es ist noch nicht lange her, da glaubte man, die Welt sei entdeckt worden. Von Königen oder Staaten. Aus dieser Vorstellung entwickelt sich eine folgenschwere Geschichte, in der die wirklichen ersten interkulturellen Kontakte und ihre Auswirkungen in den Hintergrund gedrängt werden.
Man kann sagen: was sich die Staaten auf die Fahnen schrieben, war das Tun und Lassen von Einzelfiguren, ob wissensdurstig oder profitbewusst. Doch weil diese so still und unfassbar unerschrocken waren, ist kaum bekannt, dass „Normalsterbliche“ Routen, Netzwerke, ja im Grunde ganze Reiche lancierten. Doch auch die Bildung jüngerer europäischer Kolonialreiche geht nicht auf die wirtschaftlichen Initiativen der Politik zurück.
Es lohnt sich daher, unsere Idee vom Kolonialismus im Hinblick auf private Aktionen zu hinterfragen.
Während in dieser Zeit die meisten Menschen und Könige zu recht schreckliche Angst haben vor den „Barbaren“, wie die hochmobilen mongolischen Reiter damals benannt waren, suchen Leute wie die Polos Kontakt zum mächtigsten Menschen der damaligen Welt, dem Mongolen Kublai Khan (1215-1294). Gleichzeitig setzen weltweit Gelehrte die Puzzlestücke zusammen, die sie aufgrund solcher Reisen sammeln können. Und bauen damit am Geflecht der Weltkenntnis, begründen kollektives Wissen. Man nimmt einander gleichwertig wahr.
Quellen
Gallagher/Robinson 1953, Fieldhouse 1973, Espagne/Werner 1985, Münkler 1998, Komeda 2020
Claudia Lieb (Bilder)
Europäische Kaufleute in Asien um 1300
Marco, dessen Vater und Onkel werden nach Akko segeln, Teil des zweifelhaften Kreuzfahrerstaates des Königreichs Jerusalem. In jener Hafenstadt weilen unternehmungslustige Frauen, einfache Klerikale und Pilger, arme und reiche Adlige aus Europa und solche, die sich als Söldner zum Kampf andienen. Der Schiffsverkehr im Mittelmeerraum nimmt zu, Westeuropa führt im Namen Christi Religionskriege. Die Seerepublik Venedig (697– 1797) selbst formt als mediterrane Supermacht globale Dynamiken mit.
Die Polos gehören zu einem Kaufmannsgeschlecht deren Handelsnetzwerk bis nach Konstantinopel und dem Schwarzen Meer reicht. Die drei bewegen sich bedacht und scheinbar leichtfüssig zwischen den Welten. Die Landwege sind lang, gefährlich. Türöffner ist die goldene Geleittafel des Grosskhans, ein globaler Freibrief, der für ihre Sicherheit sorgt, denn die Mongolenmacht ist am Austausch mit Fremden interessiert und ermöglicht einen multikulturellen Handelsraum.
Durch Niccolò, Matteo und Marco entsteht ein ausgedehntes, für die Zeit beispielhaftes Beziehungsgeflecht, das über das Schwarze Meer und Persien, die Riesengebirge am Hindukisch bis an den Gelben Fluss und zurück über Sumatra und das Wunderland Indien über Akko als ihr spiritueller Ausgangspunkt reicht. Ihre Reise steht für Wissenstransfer in beiden Richtungen. Man kann sie die Wegbereiter der Seidenstrasse nennen.
Später erst entsenden Päbste und Könige ihre Botschafter zu den Mongolen.
Geschichte. Ohne Nationalstaat
Kolonialgeschichte reicht in ungezählte Verästelungen, ob sozial, geografisch oder kulturell. Dabei beruht die Bildung von Kolonialreichen auf einer Vielzahl privater Initiativen der erst im Nachgang die verzerrende Idee staatlicher Expansion vorangestellt wurde. Die Idee, koloniale Beziehungen hätten per se mit Politik zu tun, ist ein Zerrbild das ab dem 18. Jahrhundert den Nationalstaaten zum Alleinhelden erhebt.
Prägender sind die Waghalsigkeit und Wissensdrang von Einzelfiguren, die unbewusst zu Wegbereitern europäischer Expansionszüge der Neuzeit werden. Damals wie heute lohnt es sich, der Faszination individueller Geschichten nachdrücklich zuzuhören, statt linearen Narrativen welche die Gewinner Geschichte schreiben lassen.
Marcos, in seiner Reichweite kaum ermessbares Abenteuer bleibt ein Wunder über das er vernehmen liess: „Ich habe nicht einmal die Hälfte von dem erzählt, was ich wirklich gesehen habe.“ Von dem berühmten Reisenden des Mittelalters, der noch drei Töchter bekommt, gibt es Handschriften seines Reiseberichts, dem man mit Angst und Vorurteil begegnete. Die vielleicht bekannteste Schrift: „Livre des merveilles du Monde“ von Rustichello da Pisa (ca. 1298).
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