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In unregelmässigen Abständen veröffentliche ich hier Artikel zu den Themen Kolonialismus, Kulturerbe und Vieles mehr. Über Anregungen, Lob und Kritik freue ich mich. Schreiben Sie mir an: info@komeda.ch
Sind Gleichheit und Pluralität vereinbar?
Neue Sichtweisen für Kulturanalysen
Die Zeit der europäischen Kolonisation war und bleibt eine Herausforderung. Neben den tiefen Eingriffen in den betroffenen Gebieten brachte der Kolonialismus auch für Europäer gewaltige Umwälzungen mit sich. Wer heute die Welt annäherungsweise verstehen will, wird sich früher oder später mit neokolonialen Phänomenen und Postkolonialer Theorie befassen. Letztere ist so widersprüchlich wie ihr Untersuchungsgegenstand selbst. Ihre Thesen sind oftmals sperrig, theorielastig, sind stets an politische Fragen geknüpft, obgleich ein praktischer Zugang geboten wäre, indem Dichotomien entkräftet werden.
Ein Benefit in der Auseinandersetzung mit Kolonialismus ist, dass sich weltweit Gesellschaftsgruppen mit dem Phänomen Machtgefälle beschäftigen. Dabei sensibilisieren sich einige Gruppen mittels Sprachreformen, die den eigenen gewöhnten Blick auf die Welt erweitern.
Teilen und erweitern
Ein anderer Impuls bildet die Idee der geteilten kolonialen Erfahrung. Aus geteilter Sicht, aus beider Blickwinkel – dem der kolonisierten und dem der kolonisierenden Gruppen – entstehen tiefergehende Bewegungen mit veränderungswilligen Absichten.
Welche politischen, theoretischen und religiösen Dynamiken ermöglichen den Perspektivenwechsel und die willkommene Pluralität in Bezug auf das Ausloten von potentiellen Kontaktstellen im Annäherungsprozess?
Bedrohte Egalität
Gerade weil sich die Lager spalten wenn Solidarität und Barmherzigkeit nicht mehr hinreichend greifen, muss das Prinzip der Egalität in der Praxis vermitteln.
Religiös. Wenn im Nachgang des Massakers der islamofaschistischen Hamas bei Reʿim am Techno-Festival vom “moralischen Bankrott“ der Linken die Rede ist, werden fehlende Elemente wie Mitgefühl und Solidarität mit den Opfern sexualisierter Gewalt in der in der Negev-Wüste angesprochen.
Ergibt sich aus den globalen Konfliktszenarien eine allgemeine «Verpanzerung», wie Jens Balzer meint und damit die intellektualisierende Verballhornung der #Wokeness ins Visier nimmt (2004)? Balzer pointiert: was ist mit der politischen Linken geschehen? Solch identitätspolitische Krisen eröffnen zwar Räume für fundamentalistische Zwischentöne, aber auch Auswege. Und mit der Woke-Bewegung legen sich elastischere Blicklinien über die Phänomene des heutigen Postkolonialismus.
Welt als Geflecht
Theoretisch. Wie irritierend ambivalent nun gerade die postkoloniale Arbeit ist, illustrieren Sebastian Conrad und Shalini Randeria mit der Vorstellung einer Welt als Geflecht, als Entangled History (2002). Das Bild eines Geflechts paralleler, bis hin zu gemeinsamer Geschichte korrespondiert mit dem englischen Shared History und illustriert, dass Betroffene wie Verursacher in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander stehen. Aber. Das englische Shared hat im Deutschen jedoch eine zweideutige Übersetzung. Denn das deutsche „geteilt“ trägt mit der dualen Bedeutung Teilung / Teilhabe per se einen antagonistischen Stempel – womit wir im Kern postkolonialen Denkens angelangen, nämlich im ständigen Widerspruch.
Übersetzung und Verständigung
Gesellschaftspolitisch. Ein erweitertes Verständnis von Teilhabe und ein Aushalten dieser Widersprüche führt uns ein in ein Feld, in dem Sprache eben nicht mehr polarisieren soll, sondern zu lohnenden transkulturellen Begegnungen führt. Wenn es um interkulturelle Verständigung geht, ist die Übersetzung das leitende Kennwort. Eine «Leitperspektive für das Handeln in einer komplexen Lebenswelt, für jegliche Formen des interkulturellen Kontakts» bildet der Translational Turn. So bildet die Übersetzungsforschung seit den 1980ern Ausgangspunkt empathischer postkolonialer Debatten.
Pluralität der Perspektiven
Kolonialismus muss von all‘ diesen Aspekten her gesehen werden, denn wir waren alle Beteiligte. Das Festhalten am Thema der geteilten Erfahrung, von Teilhabe und Wokeness ist aktueller denn je. Dem angesprochenen Ideengut kommt, wenn es um die bedrohte Egalität geht, das Verdienst zu, einer zunehmend reaktionären Debatte wieder die vermittelnde Richtung zu geben.
Verwandte Themen
postcolonial studies | Kolonialismus
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