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In unregelmässigen Abständen veröffentliche ich hier Artikel zu den Themen Kolonialismus, Kulturerbe und Vieles mehr. Über Anregungen, Lob und Kritik freue ich mich. Schreiben Sie mir an: info@komeda.ch

Koloniale Architektur – auf welche Bias wurde eigentlich gebaut?

Das Kaiserreich global

Als die Europäer die „Neue Welt“ für sich erschlossen, kamen sie mit vorgefassten Ideen an. Im Gepäck ungezählte Hoffnungen und Ängste. Beides; sozialer Aufstieg und Heldentum, Heimweh und Krankheiten wurden begleitet von wackeren Grundgedanken: Die Mission der sich als Hochkulturen gebärdenden europäischen Nationen lautete, Unzivilisiertheit, Wildnis und räumlicher Leere mit allen verfügbaren Mitteln entgegenzuarbeiten.

Als die Europäer sich also neu orientierten, publizierte Al-Hasan ibn Muhammad Wazzān al-Fāsī (Leo Africanus) gerade La descrittione dell’Africa (1520).

Im Laufe der Jahre verdunkelte sich Europas Blick auf Afrika, den „Dunklen Kontinenten“ und die im Mittelalter entstandenen vagen Bilder der einstigen Hochkulturen im Niltal, der frühen Stadtgebilde Ägyptens und der Reichtümer Aksums entschwanden unserem Kollektivgedächtnis.

Ab 1871 inszeniert das Deutsche Reich seinen Nation-Building-Prozess global. Die blutjunge Nation machte zu diesem Zeitpunkt bereit, sich in die Reihen europäischer Kolonialstaaten einzugliedern, um laut vernehmbar seinen „Platz an der Sonne“ einzufordern.

Sehnsucht und Usurpation

Die Auswanderungsmotive waren unterschiedliche:

  • Wandelnde Sozialdemografie (Arbeiterproletariat, erstarkende Bürgerschicht)
  • Industrialisierung und Kulturverlust, Eskapismus
  • Grossstädte (Normen, gesellschaftliches Korsett)

Die sich selbst versichernde Beziehung zwischen Kolonialismus und Barbarei ist heute gut erkennbar. Wunschdenken wie die aufgehende Saat des aufgeklärten Europäers im Schoss der „instinktgeprägten Afrikanerin“ waren üblich. Noch direkter entsprach etwa die Tätigkeit des Gründen und Bauens dem Telos der „kolonialen Aufgabe“.

Bias  – über suggestive Abweichung und Voreingenommenheit

Subtext der kolonialen Aufgabe war der Bias einer heilbringenden Wirkung deutscher Disziplin und Techniken. Ein kulturmissionarischer Rundumschlag sozusagen. So anziehend die neuen Territorien im Grunde waren, die Ideen der beginnenden Moderne, die sich etwa in Bürgerrechten und Nationalstaatlichkeit kristallisierten, wurden nun instrumentalisiert, um die eigene Unterlegenheit zu tarnen und vor allem die Unterdrückung Anderer zu legitimieren. Ein angebliches Geschenk an die „Wilden“ war die Baukultur, heute verallgemeinert unter dem Namen „Kolonialarchitektur“.

Die Schwierigkeit, über Kolonialarchitektur als multikulturelle Manifestation eines ambivalenten Vorgehens nachzudenken, lässt sich an der kritischen Kolonialismuskategorie festmachen. Ob Herrschaftshaus oder verträumtes Refugium, der Grundgedanke stellt Kategorien von Macht heraus. Schlüssige Konnotationen wie Schutz, Lager, Begegnungs- und Heimatort wirken in dem Phänomen ebenso wie seine ausdrückliche Eigenschaft als Herrschaftsinstrument.

Was die Europäer in den rätselhaften Lebenswelten vor Ort nun tatsächlich vorfanden, zeigte sich auf den Baustellen, auf denen einheimisches Wissen eingeholt und angewandt wurde.

Kontaktarchitektur – Partizipation an lokalem Wissen

Legt man eine unbeanspruchtere Definition von Kolonialarchitektur vor, nämlich das Gebot lokaler soziokultureller Bestände, so war Bauen in kolonisierten Territorien ein uneingestandener Akt der Partizipation, bei dem Mittlerfiguren um lokales Spezialwissen zirkulierten. Damit refiguriere ich den Begriff Kolonialarchitektur.

Das Präfix Kolonial- ist demzufolge unscharf und überholt (Vinken, Das Erbe der Anderen 2015). Fruchtbarer sind interdisziplinäre Perspektiven, die Transfertheorie und Postkoloniale Studien mit dem Verflechtungsmodell der Transkulturalität verknüpfen und welche die Peripherie und local factors ins Blickfeld rücken (Albertini, Europäische Kolonialgeschichte 1985).

Beeinflusst durch die gegenwärtige Auseinandersetzung der Sozial- und Kulturwissenschaften mit Architektur im transdisziplinären Zusammenhang mit den Cultural Turns der 1980er Jahre ergeben sich für die koloniale Kulturpraxis äusserst aufschlussreiche Aspekte. Aspekte, die den Topos Architektur

  • als partizipativen Rahmen begreifen, der das kollektive Gedächtnis formt (Nora 1990)
  • zum spontanen Aushandlungsrahmen, zum Thirdspace macht (Bhabha 1994)
  • oder als „Laboratorium“ ins Zentrum rückwirkt (Rabinow 1989).

Kolonialarchitektur im überlieferten Sinn gibt es offenbar so nicht, so wie es keine Kolonialhistoriker mehr gibt;) In dem Sinn führe ich in meinem neuen Buch den relationalen Begriff der Kontaktarchitektur ein als Ergänzung zum Terminus Kolonialarchitektur. Mein Angebot unterstreicht das Phänomen der Bezugnahme und gleichzeitig die Paradoxie kolonialer Kulturproduktion.

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