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In unregelmässigen Abständen veröffentliche ich hier Artikel zu den Themen Kolonialismus, Kulturerbe und Vieles mehr. Über Anregungen, Lob und Kritik freue ich mich. Schreiben Sie mir an: info@komeda.ch

Entzauberte imperiale Räume

Gegenseitige Abhängigkeit

Ein Motor des modernen Kolonialismus‘ (1520-1960) war der Rohstoffgewinn. In Wirklichkeit wird noch etwas Anderes deutlich. Koloniale Orte waren auch voller Imaginationskraft aufgrund der inneliegenden Austauschbewegungen. Denn je tiefer die Fremden eindrangen, desto schöner und vielschichtiger erschien ihnen die „Neue Welt“.
Was steht hinter dem imperialen Gebaren also auch?

Ich möchte erörtern, dass koloniale Orte einerseits äusserst belastet, andererseits jedoch Nährboden waren für menschliche Begegnung.

Soziale Spannungsräume

40% der Menschheit wurde während seiner maximalen Ausdehnung Opfer des #Kolonialismus, wobei sich drei Typen unterscheiden lassen: Stützpunkt-, Beherrschungs-, Siedlungskolonien. Diesen Typen gemeinsam ist das Ausbilden einer spezifischen Zone innerhalb derer Ethnizität, Geschlecht und soziale Schicht dominierten. #Kontaktzone heisst der Begriff, den die Linguistikerin Mary Louise Pratt im Sinn einer Aushandlung geteilter Machtverhältnisse einführte.

Nehmen wir das Beispiel Sāo Jorge da Mina, eine von Portugiesen gegründete Hafenstadt in Ghana. Da wurden Menschen unter unfassbarem Legitimierungsaufwand erniedrigt und entmenschlicht. Doch lassen sich dieser und ähnliche Orte allein auf Rohheit und Geopolitik reduzieren? Ein zu simples Narrativ, auch wenn es in ungezählten Fällen um Auslöschung ging.

Checkpoints, frontiers, segregated zones – alles unter Kontrolle? Eine Achillesferse der Europäer war, dass ihre Machtzentren in Madrid oder London und damit ausserhalb des begehrten Wirkungsfelds lagen. Dadurch wirkten diese Orte für die Europäer bedrohlich dezentralisierend. Dies zeigt unter anderem, dass Kolonialismus demnach nicht das bekannte Ausbeuten oder die Anziehungskraft des Fremden allein meint. Zumal die Unterdrücker selbst überfordert waren, weil sie das Neue nicht in ihre Massstäbe einordnen konnten.

Koloniale Zonen boten beiden Seiten Neues. Menschen gaben darin ihre Positionen auf, um sich in einem übergeordneten dritten Raum neu zu verorten. In dessen tieferem Kern glimmten unfreiwillige Bezogenheit und ungewöhnliche Kollaborationen. Als Beispiel diene die Vorstellung eines Zwischenraums im Sinn Bill Ascrofts als „transformative interaction of dominant and local cultures“ (2001).

Kontaktzonen

Koloniale Kontaktzonen waren anregend. Sie boten jenen Raum, in dem die Unterdrückten ihre Befreiung zumindest träumen konnten. Angeregt durch eine soziale Wechselwirkung entstand ein Mix. Eine neue, dritte Art von Wirklichkeit mit lokalem Timbre. Ein subversiv umgedeuteter Raum, der sogenannte „Thirdspace“. Nüchtern betrachtet, gestaltete sich die koloniale Zone weder als „Wildnis“ noch als „Zivilisation“, sondern wurde in eine Neuübersetzung gegossen.

Im Hinblick auf das europäische Knowhow war das Eingeständnis der eigenen Begrenztheit nicht einmalig und wurde auf nonkonformen Medienplattformen wie der Kolonialen Rundschau erörtert (Komeda 2020). Gerade im Bauwesen schien die „Kulturmission“ auf dem Prüfstand zu stehen, denn lineares Denken in Kategorien wie Geometrie und Stil war unnütz.

Kollektive Wirklichkeit

Eine typische Kontaktzone ist zum Beispiel die Veranda. Auf der Veranda trafen Akteure unterschiedlicher Herkunft aufeinander und schufen transkulturelle Thirdspaces. Da wurde verhandelt auf dass die Fetzen flogen, das imperiale Getue entzaubert. Und bestenfalls wendete sich ide Aufmerksamkeit  von einer für die Opfer unüberwindlichen kolonialen Realität (lat. res, Ding) hin zu einer kolonialen Wirklichkeit (griech. ἐνέργεια, energeia) gegenseitiger Abhängigkeiten und Einflussnahme.

Verwandte Themen

Kontaktzone | Kolonialismus | Thirdspace

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